Barfuß durch Hiroshima Review: Dramatischer Überlebenskampf nach dem Atombombenabwurf

Barfuß durch Hiroshima Review: Dramatischer Überlebenskampf nach dem Atombombenabwurf
© Carlsen Comics

Der 6. August 1945 beginnt sonnig. Noch ahnt niemand, dass wenige Augenblicke später die Hölle über Hiroshima hereinbrechen wird. Um 8.15 Uhr Ortszeit wird die Atombombe „Little Boy“ über der Stadt abgeworfen. Sie löscht sofort mehrere zehntausende Menschenleben aus und hinterlässt Zerstörung und Hilflosigkeit. Keiji Nakazawa erzählt in seinem stark autobiografischen Manga Barfuß durch Hiroshima schonungslos über das Grauen der atomaren Hölle.

Hauptcharakter Gen ist zum Zeitpunkt des Atombombenabwurfs sechs Jahre alt. Zusammen mit seinen Eltern und drei Geschwistern kämpft er sich durch ein von Patriotismus und Fanatismus geprägtes Japan. Der Vater ist entschiedener Kriegsgegner und stößt mit dieser Meinung auf wenig Gegenliebe unten seinen Landsleuten. Schikanen gegenüber der Familie nehmen zu. Politisch anders Denkende sind in dieser Zeit nicht gewollt. Um den Ruf seiner Familie zu retten, meldet sich Gens großer Bruder freiwillig für den Militärdienst. Zudem gehören ständiger Fliegeralarm, quälender Hunger, Gewalt und Tod zum Leben der Familie im kriegsgebeutelten Hiroshima.

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Diese alltäglichen Begebenheiten machen den Auftakt zu Barfuß durch Hiroshima. Wenige Tage später löscht die Atombombe die Stadt mitsamt ihren Menschen fast komplett aus. Gen ist gerade auf dem Weg zur Schule, als eine B-29 über Hiroshima kreist. Wenige Sekunden später ein grelles Licht, eine Druckwelle: Hiroshima ist dem Erdboden gleich gemacht. Der Sechsjährige überlebt fast unversehrt. Eine massive Steinmauer hatte ihn vor Hitze und Druck abgeschirmt – das wird Gen aber erst später verstehen.

Was nun folgt ist die atomare Hölle. Keiji Nakazawa zeichnet Gens Weg durch ein zerstörtes Hiroshima mit schonungsloser Direktheit. Zerstörte Häuser, ein Flammeninferno und dazwischen Menschen, die nicht wiederzuerkennen sind. Wie Zombies wandeln die von der Atombombe getroffenen Einwohner durch die Straßen. Die Haut hängt ihnen wie geschmolzenes Plastik von den Körpern. Die Druckwelle fetzte ihnen die Kleider vom Leib und oft waren die Körper mit Glassplittern und bald auch mit Maden übersäht. Eines der eindringlichsten Bilder in diesem Szenario ist sicher das brennende Pferd, für dessen Schmerz Keiji Nakazawa eine ganze Seite zur Darstellung verwendete.

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Barfuß durch Hiroshima Review: Dramatischer Überlebenskampf nach dem Atombombenabwurf
© Carlsen Comics

Angst, Mitleid aber auch etwas Hoffnung begleiten Gen und den Leser im weiteren Verlauf der Erzählung. Das Hauptaugenmerk bei Barfuß durch Hiroshima liegt auf der Zeit nach der nuklearen Katastrophe und den Überlebenskampf der Menschen. Trotz vermeintlicher Aussichtslosigkeit sorgt Keiji Nakazawa dafür, dass Gen ein Quelle der Hoffnung für Überlebende und Leser bleibt. Mit unerschütterlicher Kraft und viel Mut geht der Sechsjährige seinen weiteren Weg. Keiji Nakazawa schafft es mit seinem einfachen Zeichenstil sehr gut, das damalige Leben festzuhalten. Detaillierter wird er nur, wenn er Zerstörung und Leid der Menschen einfangen möchte. Die Ereignisse in Barfuß durch Hiroshima haben einen stark autobiografischen Einfluss des Zeichners. Viele der dargestellten Szenen hat er selbst erlebt, einige andere haben ihm Betroffene erzählt.

In verschiedene Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet

Bereits 1973 wurden Keiji Nakazawas Erzählungen im Weekley Shonen Jump-Magazin veröffentlicht. Dort allerdings mit mäßigem Erfolg. Ab 1976 machte es sich das Projekt Gen zur Aufgabe das Werk ins Englische zu übersetzen. Auf Deutsch wurde Barfuß durch Hiroshima erstmalig 1982 im Rowohlt Verlag publiziert – auch hier wurden wegen schlechter Absatzzahlen weitere Bände eingestellt. Zum 60. Jahrestag des Atombombenabwurfs nahm sich Carlsen Comics einer weiteren Veröffentlichung an. Es folgten ab 2004 vier Bände* des Werks in westlicher Leserichtung. Mittlerweile ist der Manga in viele weitere Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet worden. Zwei Anime-Filme, produziert von Studio Madhouse, gehören ebenfalls zum Barfuß-Universum.

Keiji Nakazawa starb 2012. Er kämpfte sein Leben lang mit den atomaren Folgen, unter anderem litt er an Leukämie. In Japan gehörte er zu den bekanntesten Atomkraftgegnern. Seine Geschichte soll als Mahnung vor Krieg und nuklearen Waffen verstanden werden. Der Name Gen steht im Japanischen für Wurzel, Quelle oder Ursprung und hat für Nakazawa große Bedeutung:

„Ich gab meinem Hauptcharakter den Namen Gen in der Hoffnung, dass er eine Wurzel und Quelle der Kraft für eine neue Generation der Menschheit sein kann – einer Generation, die die verbrannte Erde von Hiroshima barfuß betreten, die Erde unter den nackten Füßen spüren kann und die Kraft hat, ‚Nein‘ zu nuklearen Waffen zu sagen. Ich selbst versuche mit Gens Stärke zu leben – das ist mein Ideal und ich werde dieses in meiner Arbeit weiter fortführen.“

Keiji Nakazawa, 1987 (Zitat aus Barfuß durch Hiroshima, Band 1, Carlsen Comics)

Zur Erinnerung an den Jahrestag des Atombombenangriffs auf Hiroshima möchte ich euch Barfuß durch Hiroshima ans Herz legen. Auch heute ist die Thematik noch von großer Aktualität. Neben dem Ghibli-Meisterwerk Die letzten Glühwürmchen ist Gens Geschichte ein Meilenstein in der Darstellung von Kriegstraumata in Zeichnung und Animation. Band 1 enthält ein Vorwort von Art Spiegelman. In den weiteren Bänden finden sich ausführliche Interviews mit Keiji Nakazawa. Übrigens: Die Original-Zeichnungen zu Barfuß durch Hiroshima werden im Hiroshima Peace Memorial Museum aufbewahrt.

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