Der Junge und das Biest – Review: Märchenhafte Geschichte über Freundschaft und die Suche nach dem „Ich“

Der Junge und das Biest - Review: Märchenhafte Geschichte über Freundschaft und die Suche nach dem "Ich"
© Universum Film

Eines der jüngsten Anime-Abenteuer von Mamoru Hosoda gibt es seit vergangenem Jahr auch auf Netflix. Ich habe mir Der Junge und das Biest angesehen und meine gemischten Eindrücke hier für euch zusammengefasst.

Wenn man die Filme des japanischen Regisseurs Mamoru Hosoda beschreiben müsste, käme man wohl nicht darum herum, das renommierte Studio Ghibli zu erwähnen. In seiner 10-jährigen Filmografie produzierte der zumindest symbolisch gesehene Nachfolger von Hayao Miyazaki Werke wie „Summer Wars“, „Ame & Yuki – Die Wolfskinder“ und „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“, wovon letzteres sogar für die Oscars nominiert wurde. Jede seiner Geschichten verbirgt hinter ihrer einfachen Fassade eine interessante Moral über Zusammenhalt, Fürsorge und das unaufhaltsame Erwachsenwerden – so auch sein bislang vielseitigster Anime-Streich „Der Junge und das Biest“.

Story

Nachdem die Mutter des neunjährigen Ren gestorben ist und sein Vater sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr hat blicken lassen, soll er bei Pflegeeltern ein neues Zuhause finden. Doch das gefällt dem Jungen überhaupt nicht und so flieht er ganz alleine in die dicht belaufenen Straßen des Stadtviertels Shibuya. Kurz darauf, als er sich verheult und völlig erschöpft in einer dunklen Gasse niederlässt, trifft er auf zwei mysteriöse Gestalten, die auf ihn keinen sonderlich menschlichen Eindruck machen. Neugierig und nach wie vor verzweifelt folgt er den Wesen einen tiefen Gang entlang, bis er sich plötzlich in einer mittelalterlichen Welt voller Tiermonster wiederfindet.

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Bevor Ren überhaupt realisieren kann, was um ihn herum geschieht, begegnet ihm ein großer Bär namens Kumatetsu, welcher ihn (eher weniger freundlich) darum bittet, sein Schüler zu werden. Natürlich tut er das nicht ohne Hintergedanken, denn sein eigentliches Ziel besteht darin, einen würdigen Nachfolger zu finden, um eines Tages Großmeister zu werden. Dafür muss er allerdings auch seine kämpferischen Fähigkeiten verbessern, sodass er seinen langjährigen Konkurrenten, den weitaus beliebteren Iôzen, endlich im Zweikampf besiegen kann. Ren nimmt das Angebot an und je mehr Jahre vergehen, desto besser verstehen sich die beiden Sturköpfe miteinander. Der Tag der Wahrheit rückt immer näher, doch der nun in Kyûta umbenannte Junge kann die Menschenwelt nicht einfach vergessen…

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„Wer bin ich?“ – Die Suche nach der wahren Identität

Auch wenn die Idee hinter Der Junge und das Biest nicht unbedingt kreativ klingen mag und stellenweise sogar an das Studio Ghibli Meisterwerk „Chihiros Reise ins Zauberland“ erinnert, so ist die Umsetzung doch ein wenig anders. Während der Schauplatz des Films Anfangs noch beinahe ausschließlich in der Tierwelt liegt, wechselt die Szenerie im Verlauf der Geschichte immer häufiger in die Welt der Menschen, sodass sich Kyûta irgendwann zwischen den zwei Dimensionen hin- und hergerissen wiederfindet. Und diese könnten kaum unterschiedlicher sein, denn wo ursprünglich noch hart trainiert und gekämpft wurde, sind nun alltägliche Herausforderungen, wie das Lesen und Schreiben zu meistern.

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Das wirft für unseren heranwachsenden Protagonisten natürlich eine ganz besondere Frage auf: „Wer bin ich?“ ist der Leitsatz, der sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, doch leider praktisch bis über das Ende hinaus, unbeantwortet bleibt. Abgesehen davon, versteht der Film allerdings, worauf er hinaus möchte und macht das auch mit eklatanten Referenzen á la Moby Dick deutlich. Mehr will ich an dieser Stelle jedoch lieber nicht verraten.

Bild und Ton

Schon von der ersten Sekunde an, beweist der Film, was er wirklich gut kann. Die Kampfchoreographien sind flüssig, schnell und schön und machen besonders durch den spielerischen Wechsel der Perspektive einen unglaublich dynamischen Eindruck. Das Design der Charaktere ist simpel, aber doch vielseitig, was besonders bei den verschiedenen Tierwesen zum Vorschein kommt. Einen zusätzlichen Pluspunkt gibt es für die Anwendung von Farben und Beleuchtung, welche, wie aus den bisherigen Filmen von Hosoda gewohnt, sehr zielsicher gewählt wurde. So macht Jutengai einen stets märchenhaften, bunten und frohen Eindruck, während die Welt der Menschen hingegen eher fade und grau wirkt – zumindest dann, wenn, sie es auch sein soll.

Musikalisch überzeugt der Der Junge und das Biest mit traditionellen Klängen, die sich hervorragend in der mittelalterlichen Atmosphäre Jutengais wiederspiegeln. Die deutsche Synchronisation ist sehr gelungen und liegt stimmlich nahe am Original.

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Fazit

Wer einen typischen Coming-of-Age-Film erwartet, wird von Der Junge und das Biest nicht enttäuscht. Alle anderen könnten sich vielleicht an den farbenfrohen Bildern und der atemberaubenden Animation erfreuen – neu erfunden wird das Rad allerdings nicht. Sieht man davon ab, macht der Film alles richtig, was er sollte. Die Beziehung zwischen Kyûta und Kumatetsu ist nicht nur realistisch nachvollziehbar, sondern auch unglaublich rührend; das Band zwischen den beiden unzertrennbar. Moralisch gibt uns der Film nicht unbedingt viel und macht dahingehend eher den Eindruck auf ein jüngeres Publikum abzuzielen. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass kein Erwachsener ihn sehen sollte – im Gegenteil, denn dann würde man ein fesselndes, herzzerreißendes Abenteuer verpassen, das in seiner schematischen Art doch irgendwie einzigartig erscheint.

Über tobson 872 Artikel
Seit 2018 agiere ich als Redakteur bei shonakid.de. Bei Fragen und Anregungen schreibt mir auf Twitter unter @shawnfiercy.

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